Zwei Kindheitserinnerungen prägen meine Liebe zum Kartenspiel, die bis heute anhält.

Wir kamen jedes Jahr in dasselbe Haus nach Südtirol, einer Pension, zwischen Meran und Bozen im Etschtal gelegen. Auf der Terrasse dort stand ein altes „Bife“, und in der mittleren Schublade lagen ein Quartett – Kartenspiel mit Kriegsschiffen aus dem zweiten Weltkrieg und ein Tarrockspiel der Firma Piatnik. Die Pensionswirtin ist heute über 80 Jahre alt, die Pension längst veraltet und unmodern, das Klo liegt auf  halber Treppe und die Betten sind noch aus „Großmutters Zeiten“.  Wenn überhaupt,  kommen nur noch Gäste, die auch Freunde des Hauses sind, und schlafen für 14 € pro Nacht in einer der schönsten Gegenden Mitteleuropas. Ich komme immer noch in dieses Haus, selten zwar, aber mit dem Gefühl, auch in meinem Leben in die Vergangenheit zu reisen. Wenn ich dann auf der Terrasse frühstücke, öffne ich jedesmal die Schublade und sehe dort dieselben Kartenspiele liegen, wie vor über 40 Jahren.

Die andere Erinnerung ist an meinen Onkel, einen alten Polen, der immer schon viel zu viel Durst hatte, auch wenn er eine Seele von Mensch war. Als Kind nahm er mich mit in die übelsten „Kaschemmen“, mit allerlei zwielichtigem Volk und setzte mich dort mitten hinein. Ich konnte kaum die Karten halten, aber ich spielte mit den „Stammtischbrüdern“ tapfer mein „66“, in Österreich auch als „Schnapsen“ bekannt, und das Geld, das ich gewann, finanzierte meinem Onkel so manche „Halbe“; vielleicht liessen sie mich damals auch immer gewinnen, weil sich der kleine „Steppke“ was traute, mit den Grossen „mitzustinken“. „No da Soichhafareng am Arsch, aber mitschwätza wella“, wie es in Schwaben heisst. Mein Vater durfte von alledem nichts wissen, es waren  samt und sonders Wirtschaften, von denen man sagte, „Wenn I di do denn oimal vewisch, dann schla‘ I dir s’Kreiz a“. Sie sehen schon, das Schwäbische ist zwar derb, aber auch ehrlich „ond gradraus“.

Schaut man sich die Geschichte des Kartenspiels an, so kann man  zu den beiden erzählten Anekdoten Parallellen erkennen ,  doch dazu später.

Die Ursprünge der Spielkarten liegen im Fernen Osten. Dort wurde Karton bereits um Christi Geburt hergestellt, die ersten Spielkarten waren gefaltet, das deutet darauf hin, dass die Glückspielkomponente älter ist als die kombinatorischen Bestandteile des Kartenspiels. Über Indien, darauf verweist eine Namensverwandtschaft mit dem spanischen Wort für Spielkarten „naipes“,  das 1370 n. Chr. zum ersten mal in einem Reimbuch erwähnt wird, kamen sie dann nach Europa. Ob das Kartenspiel den Weg über die Levante durch den Handel, fahrendes Volk oder den Begegnungen zwischen Orient und Okzident durch die Kreuzzüge fand, oder ob es eine in Europa eigenständige Entwicklung gab, ist unklar. Die ersten Erwähnungen in Mitteleuropa sind auf jeden Fall die zahlreichen von der Obrigkeit, und insbesondere der Kirche, ausgesprochenen, Verbote des Kartenspiels, allen voran die Stadt Bern im Jahre 1367. Zahlreiche weitere folgten nur wenige Jahre später.

Wenn man nun bedenkt, dass Kartenspiele bei den grossen mittelalterlichen Schriftstellern Dante Alighieri (1265-1321), Francesco Petrarca (1304-1374),  Giovanni Boccaccio (1313-1375) und Geoffrey Chaucer (1343-1400)  nirgends erwähnt wurden, obwohl diese ausführlich über alle anderen Arten von Spielen und Volksbelustigungen schrieben, das Spiel aber ab 1367 bereits so verbreitet gewesen sein musste, dass die Kirche es an vielen Orten unterbinden liess, so waren Spielkarten wahrscheinlich einer der ersten Megatrends unserer Kultur. Sie mussten sich unglaublich schnell verbreitet haben, einerseits  durch die Veränderungen im Kriegswesen, durch das Aufkommen der Söldnerheere, namentlich der Landsknechte aus der Schweiz und Schwaben, andererseits auch durch die Erfindung des Holzschnitts, der neben Spielkarten auch Heiligenbildchen zu einer der ersten Massenproduktionen in der Geschichte verhalf.

Eine weitere Erklärung für die Verbote könnte auch der sozialrevolutionäre Gedanke sein, der in vielen Kartenspielen steckt. In vielen Spielen ist auffallend, daß meist die niedrigen Karten die Höheren stechen können. Beim „Watten“ sind es neben dem Herzkönig zwei Siebenen, die die höchsten Trümpfe sind, im Skat sind es die Buben, im Doppelkopf die Damen, beim Binokel sind ein Unter und ein Ober sogar die Namensgebenden des Spiels. Eines der ersten überlieferten Kartenspielen ist das „Karnüffeln“, ein Schimpf- und Schandname für die Kardinäle der katholischen Kirche, ein Spiel, das vor allem unter Landsknechten sehr verbreitet war. Wie deren Verhältnis zur Kirche bestellt war lässt sich am besten aus der Geschichte „des Sacco di Roma“ erkennen, die ich nun etwas ausführlicher beschreiben möchte.

Nachdem 1525 Kaiser Karl V den französischen König in der Schlacht bei Pavia vernichtend geschlagen hatte, hatte er nur eines vergessen, genügend Geld in seiner Kriegskasse dabei zu haben, um sein Söldnerheer ausreichend zu bezahlen. Er vertraute seinem Heerführer Georg von Frundsberg, die Soldaten im Zaum halten zu können. Söldnerheere waren damals eine neue moderne Form des Soldatentums, es gab keine zu unbedingtem Gehorsam verpflichteten Untertanen, sondern  Berufssöldner, die für Lohn kämpften. Blieb das Geld aber aus, so geschah es nicht selten, daß die Truppen schon mal die Fronten wechselten und urplötzlich zu Feinden wurden. Frundsberg hatte seine Mannen in der Regel  im Griff, bis er bei einer Auseinandersetzung vom „Schlag“ getroffen wurde. Die Söldner, auf einmal ihrer Führung beraubt, zogen plündernd durch Oberitalien, bis ihnen die Idee kam, sich in der Heiligen Stadt die Beutel zu füllen. Im Mai 1527 stürmten sie Roms Mauern, was danach geschah, war wohl eines der schrecklichsten Gemetzel der Neueren Geschichte. Brandschatzung, Plünderung, Vergewaltigungen, Folter waren an der Tagesordnung. Bürger wurden gezwungen in ihren Kloaken nach versenkten Schätzen zu tauchen, Kardinäle mussten einen Esel zum Bischof ernennen, die Fürstentöchter zur Prostitution gezwungen, während die Huren aus dem Troß der Landsknechte in Pelzen und edlen Roben durch das zum Teil  knöcheltiefe Blut in den Strassen wateten. Der Papst musste fliehen, seine „Schweizer Garde“ bis auf den letzten Mann massakriert. Lösegelder für die Adligen der Stadt und der Raub der Kirchenschätze gingen in die Millionen. Die Renaissance, die doch das Individuum und das Schöne des einzelnen hervorbringen sollte zeigte gleichzeitig auch die andere Seite der Medaille, die Grausamkeit, das Entmenschlichte. Die Welt hatte sich unwiderruflich verändert, das Rittertum war verschwunden, die Kirche hatte ihre Rechnung bezahlt für jahrhundertelange Simonie und Nepotismus.

In den Kartenspielen fand sich ein Abbild der Umkehr der Machtverhältnisse, die Unteren stachen die Könige, die neue Botschaft war gefährlich und musste verteufelt werden, des „Teufels Gebetsbuch“ werden Spielkarten bis heute genannt. In den unzugänglichen Dörfern der alpinen Welt hielten sich die alten Spiele zum Teil sehr lange und ein Studium der dortigen Spiele gibt uns heute noch Aufschluß über die damalige Zeit.

Und so schließt sich der Kreis, Kartenspiel ist ein Vertreib des einfachen Volkes, ganz wie ich es in den Kaschemmen lernte und die noch vorhandenen Spielkarten in der Schublade der Pension meiner Kindheitsjahre demonstrieren die Langlebigkeit der alten Spiele in den Alpenländern wie Tirol und der Schweiz.

 

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